Seit Ende Februar protestieren die BewohnerInnen des Heims Katzhütte gegen die dortigen Zustände und ihre Unterbringung in Lagern. Vorläufige Bilanz einer gelungenen Selbstorganisierung.

Katzhütte ist eine kleine idyllische Gemeinde am Rande des Thüringer Waldes. Doch der Schein scheint zu trügen. Ende Februar veröffentlichten die Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft Katzhütte eine Erklärung (siehe http://de.indymedia.org/2008/02/208592.shtml) über die bestehenden Bedingungen in ihrem Heim. Neben Schimmel und begrenztem Zugang zu warmem Wasser und Kochmöglichkeiten müssten sie nach eigenem Schildern herabwürdigende Behandlungen ertragen. Außerdem hätten sie kaum Geld zur Verfügung, nicht einmal um mit ihren Kindern zum Arzt zu fahren, weil ihnen die Sozialhilfe ausschließlich in Essensgutscheinen ausgezahlt würde.

Mit Unterstützung des Flüchtlingsforums „The Voice“ hatten die Bewohner einen Text veröffentlicht, der ihre Lebenssituation beschreibt: Die Flüchtlinge beklagen die völlige Isolation, in der sie leben. Die Verkehrsanbindung zum nächst größeren Ort sei schlecht.
Außerdem sei die Behandlung seitens der Betreiber menschenunwürdig: So stellten die Heimleiter ihnen als Kollektivstrafe schon mal das Wasser in der Küche ab. Weder ausreichend Seife noch Toilettenpapier sei den Menschen zur Verfügung gestellt worden. Nicht länger wollen sie in den verwahrlosten und verschimmelten Hütten leben. Ihre zentrale Forderung: die Schließung der Unterkunft. Weiter heißt es in der Erklärung: „Wir, das sind um die 35-40 Einzelpersonen (jung und alt) und mehrere Familien aus aller Welt, die völlig isoliert, ohne jeglichen Kontakt zur deutschen Gesellschaft in einer Gemeinschaftsunterkunft in Katzhütte leben. Katzhütte ist ein kleines Dorf im Thüringer Wald, 1h30 Minuten mit dem Zug entfernt von Saalfeld. Wir und unsere Kinder werden hier wie Kriminelle behandelt, obwohl wir keine sind. Wir leben wie in einem Gefängnis weggesperrt, nur weil wir Asylbewerber sind. Von 17.00 bis 8.00 stellt die Heimleitung uns das warme Wasser für die Dusche ab und nach 16.00 Uhr dürfen wir die Gemeinschaftsküche nicht mehr benutzen. Wir bekommen von der Heimleitung weder Seife noch Toilettenpapier, obwohl sie verpflichtet wären, uns selbiges auszuhändigen. Unsere Schlafräume befinden sich in einem sehr schlechten Zustand.“

Angeschimmelte Wände, heruntergekommene Hütten

Es seien alte heruntergekommene Hütten, gebaut aus Karton und Faserplatten, heißt es weiter in der Erklärung. In den Hütten rieche es muffig, weil die Wände angeschimmelt seien. Die Flüchtlinge haben Angst, dass sich das auf ihre Gesundheit auswirkt. In Katzhütte gibt es den Flüchtlingen nach keine Möglichkeit einen Deutschkurs zu besuchen bzw. anderweitig die deutsche Sprache zu erlernen. Deshalb sprechen die meisten von ihnen kein Wort deutsch. So bräuchten sie immer irgendjemanden, der die Briefe von der Ausländerbehörde oder dem Doktor übersetzt. Seit Januar 2008 bekämen sie ihre Sozialhilfe nur noch in Form von Gutscheinen ausgehändigt. „Wir bekommen gar kein Bargeld mehr und die monatliche Summe wird nicht auf einmal ausgezahlt. Mit den Gutscheinen können wir nur in einem bestimmten Supermarkt Lebensmittel einkaufen.“ Dieser Supermarkt gehört der Tegut Kette an und ist einer der teuersten Supermärkte von Deutschland, so dass die Sozialhilfe meist nur für eine Woche reicht. Um sich aus Katzhütte weg zu bewegen, müssten die Bewohner einen Urlaubsschein bei der Ausländerbehörde in Saalfeld beantragen. Das Zugticket, um nach Saalfeld zu fahren aber selber bezahlen. „Da wir aber für die Gutscheine ausschließlich Lebensmittel bekommen, haben wir kein Geld für ein Zugticket. Das ist vor allem für die Familien mit Kindern ein Problem, die mit den Kindern öfter zu einem Arzt nach Saalfeld fahren müssen.“ Um sich zu duschen, müssten sie ca. 300 Meter durch die Kälte laufen, so dass viele Kinder und alte Menschen kontinuierlich krank seien. (Katzhütte befindet sich in den Bergen, der Winter ist lang, die Temperaturen sind oft unter null Grad mit Schnee) „Wir leiden außerdem unter der Art und Weise, wie wir von der Heimleiterin behandelt werden. Sie schreit uns oft an und bestraft uns kollektiv, indem sie das Wasser in der Küche abstellt, den Kühlschrank oder den Elektroheizer konfisziert oder die Gemeinschaftsküche abschließt.“

Im Rahmen des Aktionswochenendes zur Schließung von Isolationslagern in Katzhütte und Jena / Thüringen fand am 26. April ein Solidaritätsbesuch bei den BewohnerInnen des Flüchtlingslagers in Katzhütte statt.
Der Lager-Sicherheitsdienst wollte die Solidaritätsdelegation nicht aufs Gelände lassen und rief die Polizei. Diese kontrollierte die Personalien der BesucherInnen und nahm Anzeigen wegen “Hausfriedensbruch” auf. Von einem Filmteam, das die Aktionen begleitete, wurden die Aufnahmen beschlagnahmt.

Verlegung von Sprechern

Das Landratsamt im thüringischen Saalfeld-Rudolstadt hat zudem zwei Sprecher von Asylbewerbern der Gemeinschaftsunterkunft Katzhütte gegen ihren Willen nach Eisenanch und Greiz verlegt. Laut Kreisbehörde hätten die beiden massiv Ruhe und Ordnung im Objekt gestört, schreibt die Ostthüringer Zeitung (Mittwochausgabe). Wie das Blatt weiter berichtet, kündigte die Behörde an, zwei von Schimmel befallene Bungalows in Katzhütte zu räumen. Das Objekt selbst, in dem noch 69 Personen untergebracht sind, will der Landkreis aber nicht aufgeben.

Kurz vor Monatsende wurde einigen (!) der betroffenen Flüchtlinge kurzfristig das Angebot
unterbreitet, sich freiwillig in andere Lager umverteilen zu lassen, was von 2 Familien und 5 Einzelpersonen „dank“ der bestehenden Gesundheitsgefährdung auch angenommen wurde.
10 Asylbewerberparteien, davon 4 Familien entschieden sich allerdings, sich nicht von ihren aufgestellten Forderungen nach dezentraler Unterbringung in Saalfelder Wohnungen ohne „Lagersystem“ abbringen zu lassen und formulierten den ihnen vorgesetzten „Antrag“ dementsprechend.
Diese Asylbewerber stehen als Beispiel für die Nachhaltigkeit der aufgestellten Forderungen nach Schließung des Barackenlagers in Katzhütte und für die Unterbringung aller Flüchtlinge in menschlich normalen Wohnungen – ohne Anwendung des bislang gängigen Lagersystems mit Schikanierung der Menschen durch eine so genannte „Heimleitung“ sowie die Anwendung gesetzlich möglichen Bleiberechts für Flüchtlinge, die sich schon seit Jahren in Deutschland aufhalten.
Von diesen 10 Asylbewerberparteien wurden nun ausgerechnet die 2 Protagonisten in 2 verschiedene Lager in unterschiedlichen Richtungen umverteilt – Der Eindruck, dass hier der Widerstand der Betroffenen durch „bestrafende Zwangsumverteilung“ für die politisch Aktivsten gebrochen werden soll ist nicht nur augenscheinlich, sondern nur allzu leidlich bekannter Aktionismus lokal zuständiger Verwaltungsbehörden. Erneut sollen hier die couragierten Stimmen des Protestes auf diese weise zum Schweigen gebracht oder zumindest aus dem Fokus des Brennpunktes „entfernt“ werden. (siehe http://de.indymedia.org/2008/05/216426.shtml).

Der Protest geht weiter! Solidarität mit den Flüchtlingen!

Weiterführende Informationen: http://thevoiceforum.org und http://thecaravan.org

Artikel in der jungen welt:

Flüchtlinge fordern Heimschließung (3.3.08): http://www.jungewelt.de/2008/03-03/045.php Isolation statt Integration (15.3.08): http://www.jungewelt.de/2008/03-15/021.php?sstr=katzh%FCtte

Fassadenputz für Flüchtlinge (12.4.08): http://www.jungewelt.de/2008/04-12/032.php?sstr=katzh%FCtte

Zwangsverlegung (8.5.08): http://www.jungewelt.de/2008/05-08/061.php?sstr=katzh%FCtte

Artikel in der taz:

„Sie wollen, dass wir aufgeben!“ (26.3.08): http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/sie-wollen-dass-wir-aufgeben/?src=SE&cHash=2fb6108a2a

Das Schimmelasyl (13.05.08): http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/das-schimmelasyl/?src=SE&cHash=a9f3d881fd

Kommentar von VOICE Jena zur regionalen Berichterstattung in Freies Wort von Thomas Mwayemudza Ndindah

http://www.freies-wort.de/nachrichten/thueringen/seite2thueringenfw/art2437,784797
http://www.freies-wort.de/_/forum/index.html?mode=po_view&th_id=712&page=1
http://thecaravan.org/node/1511

Radio:
Proteste im Flüchtlingslager Katzhütte
http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=21577

Interview mit Mohammed Sbaih:

http://www.jugend-bremen.de/wordpress/?p=28

Tom’s link to photo album on sevenload:
http://de.sevenload.com/mitglieder/funthomaz
http://de.sevenload.com/alben/8xQP8v6
with pictures on Katzhütte including Saalfeld protest, as well as videos on Katzhütte, Oury Jalloh, Police scandal Sachsen-Anhalt and Black Community Thomas Mwayemudza Ndindah

Fotoalbum - Kundgebung in Saalfeld/Katzhuette_31_Maerz08
http://fotoalbum.web.de/

MDR - Katzhütte: Wir wollen in normalen Häusern wohnen PART I & PART II Part 1 -MDR TV zu Katzhütte vom 04. März 2008!
Ärger um Asylbewerberheim. In Katzhütte im Thüringer Wald leben Asylbewerber in einem ehemaligen Kinder-Ferienlager - unter Bedingungen, die kein Deutscher hinnehmen würde 04.03.2008
http://www.youtube.com/watch?v=t9×6pwq4xB4&feature=related